GERRY WEBER OPEN 2011: Tommy Haas im Interview

HalleWestfalen. Er kämpfte mit letzter Kraft und großer Leidenschaft bei seinem Comeback-Auftritt in HalleWestfalen, doch die Erstrunden-Niederlage gegen den Italiener Andreas Seppi auf dem Centre Court konnte Tommy Haas (33) am Ende doch nicht vermeiden. Im Interview sprach Haas anschließend über die Rückkehr zu den GERRY WEBER OPEN, über sein neues Leben mit Familie auf der Tour und seine Tennisperspektiven.

Herr Haas, wie bewerten Sie Ihren Comeback-Auftritt bei den GERRY WEBER OPEN.
Tommy Haas: „Insgesamt nicht schlecht, ich bin ziemlich stolz auf mich. Ich hatte durchaus meine Chancen, nachdem ich zunächst gar keine Chancen hatte. Trotz Breaks gegen mich im zweiten Satz bin ich zurückkommen, habe noch mal eine Aufholjagd starten können. Meine Einstellung stimmte.“

Was ist die größte Schwierigkeit bei diesem Versuch, noch einmal ins Profitennis zurückzukehren.
Tommy Haas: „Matchpraxis zu bekommen. Eine Routine zu entwickeln im Spiel. Sich nicht immer Fragen zu stellen, ob man das Richtige tut. Den Fitnesslevel wieder hinzukriegen. Trainieren kann man eine ganze Menge, aber das ersetzt nicht Wettkampfmatches. Da hast du mit so vielen Faktoren zu kämpfen, wenn’s ernst wird: Die Nerven, der Wunsch, gewinnen zu wollen, überhaupt vor Publikum zu spielen. Das kann man nicht trainieren. Es ist nicht eine kleine Pause gewesen, weil man eventuell müde war, ausgepumpt, leer im Kopf. Das war mehr als ein Jahr ohne Wettkampftennis.“

Die Turniere, die Sie jetzt bestreiten, sind sozusagen eine Art Test.
Tommy Haas: „Natürlich stellt man sich viele Fragen derzeit. Und das strengt an. Ich schaue mal, wie es in den nächsten Wochen und insgesamt bis zum Ende des Jahres läuft, dann kann ich entscheiden, ob ich weitermachen will oder nicht.“

Sie haben viele Operationen hinter sich. Welcher Eingriff war nun am schwersten zu überwinden.
Tommy Haas: „Die Ellbogen-Probleme zuletzt, die waren nicht so schlimm, aber der Hüfteingriff war schon ein etwas anderes Kaliber. Das muss ich Lleyton Hewitt lassen, er hatte zwei Hüftoperationen – und er ist immer noch da draußen und kämpft. Aber schauen Sie sich David Nalbandian an, der auch eine Hüft-OP hatte, der hat zu kämpfen, wer weiß, wann er zurückkommt. Oder Fernando Gonzalez oder Gustavo Kuerten. Es ist hart, nach einer Hüftoperation zurückzukommen. Jetzt bin ich eines dieser Opfer. Aber man muss einfach weiter hart an sich arbeiten und das Beste versuchen. Seine Stärke mental und physisch testen.“

Im Spiel gegen Seppi hatte man den Eindruck, dass Sie erst nach einer gewissen Anlaufzeit auf Touren kamen.
Tommy Haas: „Ich brauche Matches und Spielpraxis, aber so eine Art von erstem Satz brauche ich eigentlich weniger. Wenn man auf einmal sieben Spiele in Folge verliert, steht man natürlich nicht so gerne auf dem Platz. Man fragt sich, was ist denn hier los, wie kann ich aus diesem Loch wieder rauskommen. Ich hab’ dann ein Comeback geschafft, Matchball abgewehrt, aber einen entscheidenden Breakpunkt Anfang des dritten Satzes vergeben. Wie gesagt: Im Training spiele ich den vielleicht ins Feld im Moment, im Match knapp ins Aus. Deswegen brauche ich diese Matches, und deswegen brauche ich auch einen fitten Körper, der mir erlaubt, wieder Woche für Woche zu spielen.“

Wie haben Sie das Match körperlich überstanden.
Tommy Haas: „Ganz gut. Von außen sieht man gar nicht, dass es noch eine harte Angelegenheit für mich ist. Aber es zwickt immer noch verdammt im unteren Rückenbereich. Ich bin wirklich hart am Arbeiten, stundenlang jeden Tag, um einigermaßen fit zu sein. Im Match lief es ordentlich. Ich war ab und zu etwas verspannt. Jetzt ist die Frage: Wie spiele ich morgen oder nächste Woche, mache ich eventuell noch Aufbautraining? Spiele ich überhaupt in Wimbledon, weil es da auch wieder Best of five ist? Ich habe es Ende des dritten Satzes wieder ein bisschen an der Pumpe gespürt, es ging ja über zwei Stunden. Deswegen muss man sich da nun – mit Blick auf Wimbledon – die Fragen stellen: Geht es? Und lohnt es sich?“

Eine endgültige Entscheidung steht also noch aus.
Tommy Haas: „Ich würde sehr gerne spielen, keine Frage. Aber ich muss erst mal schauen, wie die nächsten Tage sich entwickeln und was ich nächste Woche mache. Danach muss man sehen, was das Beste ist.“

Ihre Verlobte hat Sie die ganze Zeit sehr lautstark unterstützt. Merken Sie das während des Spiels. Und hilft Ihnen das, wieder zurückzukommen in solch einem Match.
Tommy Haas: „Ja, klar. Ich bin auch so ein emotionaler Mensch, und sie auch. Ich mag das gerne, wenn sie mich pusht. Manchmal kann es sehr extrem sein und vielleicht für manche zu viel, aber ich mag das eigentlich ganz gerne. Wobei: Sie war eigentlich noch relativ zurückhaltend. Ich glaube, sie ist erst mal sehr stolz auf mich, dass ich wieder rausgehe auf einen Centre Court und versuche, Matches zu gewinnen. Meine kleine Tochter war auch da oben irgendwo, die habe ich während des Matches auch einmal kurz gesehen. Die wird nicht mitbekommen haben, was sich da unten abspielt, aber trotzdem ist das sehr schön.“

Wann wollen Sie eine Entscheidung treffen, wie es mit Ihrer Karriere weitergeht.
Tommy Haas: „Ja, ich werde versuchen, bis Ende des Jahres durchzuspielen. Ich will auch sehen, wie es auf den Hartplätzen in Amerika läuft. Wichtig werden also die Turniere bis zu den US Open, die US Open selbst und dann auch das ein oder andere Hallenturnier sein. Dann weiß ich besser, wie es körperlich steht. Ob es sich lohnt, 2012 noch mal anzugreifen oder ob es dann Zeit ist, sich mehr um die Familie zu kümmern und Zeit mit ihr zu verbringen.“

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